Die Idee klingt bestechend: Wenn alle im Unternehmen mit Nutzern sprechen können, verschwinden die Engpässe. Keine Wartelisten mehr beim Research-Team. Keine Wochen zwischen Frage und Antwort. Product Manager, Designer, Entwickler – alle direkt am Puls der Nutzer.
Was dabei gerne übersehen wird: Die meisten Menschen sind furchtbar darin, anderen zuzuhören.
Das ist keine Beleidigung, sondern eine Beobachtung. Gutes Zuhören – das Zuhören, das neue Erkenntnisse produziert statt nur bestehende Annahmen zu bestätigen – ist eine Fertigkeit. Sie erfordert Training, Übung und die unbequeme Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen in Frage stellen zu lassen. Die Demokratisierung von Research ist deshalb kein Geschenk. Sie ist eine Herausforderung.
Das Ausmaß der Verschiebung
Die Zahlen sind eindeutig. Laut dem State of User Research Report 2024 von User Interviews finden 77 Prozent aller Research-Aktivitäten mittlerweile in Product- oder Design-Teams statt. Der Future of User Research Report 2025 von Maze zeigt, dass 42 Prozent der Product Manager bereits eigene Nutzerforschung durchführen. Und in einer Befragung von 100 UX-Researchern durch Lyssna nannten 36 Prozent die Demokratisierung als einen der prägenden Trends für 2026.
Das sind keine Prognosen mehr. Das ist der Ist-Zustand.
Die zentrale Research-Abteilung, die Aufträge entgegennimmt und nach einigen Wochen einen polierten Report liefert – dieses Modell stirbt. Nicht weil es schlecht war, sondern weil es nicht skaliert. In den meisten Unternehmen kommen auf einen Researcher zehn bis fünfzehn Produktleute. Die Mathematik funktioniert nicht.
Also forschen jetzt alle. Die Frage ist nur: Was kommt dabei heraus?
Der Unterschied zwischen Reden und Verstehen
Es gibt einen Grund, warum Research ein eigener Beruf ist. Nicht weil die Werkzeuge so kompliziert wären – ein Interview zu führen ist technisch simpel. Sondern weil die Fehlerquellen unsichtbar sind.
Suggestive Fragen. Man merkt sie nicht, wenn man sie stellt. "Findest du nicht auch, dass dieses Feature nützlich wäre?" – und schon hat man die Antwort mitgeliefert.
Confirmation Bias. Man sucht nach Bestätigung für Entscheidungen, die man längst getroffen hat. Die drei Nutzer, die das Feature mochten, landen im Report. Die sieben, die es ignorierten, werden zu Ausreißern erklärt.
Soziale Erwünschtheit. Menschen sagen, was sie für die richtige Antwort halten, nicht was sie wirklich denken. Ohne Training erkennt man den Unterschied nicht.
Ein Researcher in der Lyssna-Studie bringt die Sorge auf den Punkt: "AI used by non-researchers with results that are not checked/confirmed." Das Problem ist nicht die Demokratisierung an sich. Das Problem ist Demokratisierung ohne Qualitätssicherung.
Was die Befürworter richtig sehen
Die Kritik wäre billig, wenn sie die Vorteile ignorierte. Demokratisierung löst reale Probleme.
Geschwindigkeit. Wenn ein Product Manager direkt mit Nutzern sprechen kann, spart das Wochen. Keine Briefings, keine Übergaben, keine Warteschlangen. In schnellen Märkten ist das kein Luxus, sondern Überlebensfähigkeit.
Empathie, die hängenbleibt. Wer selbst mit Nutzern gesprochen hat, argumentiert anders als jemand, der nur Reports liest. Die Dscout-Studie zu verantwortungsvoller Demokratisierung beschreibt einen interessanten Nebeneffekt: Wenn Nicht-Researcher zum ersten Mal selbst Interviews führen, sei das oft ein Moment der Erkenntnis – "Holy shit, what you do is hard." Sie verstehen plötzlich, wie anspruchsvoll gute Gesprächsführung ist, und warum Researcher manchmal Nein sagen zu schlecht vorbereiteten Projekten.
Reichweite. Fünf Researcher können nicht alle Fragen eines 200-Personen-Unternehmens beantworten. Aber sie können fünfzig Menschen befähigen, die einfacheren Fragen selbst zu klären. Das setzt Kapazität frei für die schwierigen, strategischen Themen.
Der Fehler wäre, diese Vorteile zu leugnen. Sie sind real. Die Frage ist, wie man sie nutzt, ohne die Qualität zu opfern.
Die unbequeme Wahrheit über Job-Ängste
Ein Thema, das in den meisten Artikeln über Demokratisierung elegant umschifft wird: Was bedeutet das für Researcher als Berufsgruppe?
Die ehrliche Antwort: Die Rolle verändert sich. Wenn alle forschen können, ist "Forschung durchführen" keine ausreichende Daseinsberechtigung mehr. Researcher werden zu Coaches, Methodenexperten, Qualitätshütern. Sie führen weniger Interviews selbst und befähigen mehr andere, es zu tun.
Zoë Glas von Google formuliert das Prinzip so: "Democratization is not something that happens passively. It's something that requires a ton of intention and work." Researcher-led, not replaced. Die Demokratisierung soll von Researchern gestaltet werden, nicht sie ersetzen.
Das ist nicht für jeden attraktiv. Wer den Beruf gewählt hat, weil er gerne mit Nutzern spricht, wird sich in einer Coaching-Rolle möglicherweise unwohl fühlen. Wer seine Identität über exklusive Expertise definiert, wird die Öffnung als Bedrohung erleben.
Aber die Alternative – Demokratisierung ignorieren und hoffen, dass sie wieder verschwindet – ist keine Strategie. Die strukturellen Treiber sind zu stark. Zu wenige Researcher, zu viele Fragen, zu schnelle Zyklen.
Die bessere Antwort ist, die Veränderung zu gestalten statt sie zu erleiden.
Fünf Leitplanken, die tatsächlich funktionieren
Der UX Research Democratization Report 2025 von Great Question liefert konkrete Daten dazu, was Unternehmen tun, die Demokratisierung erfolgreich umsetzen.
72,7 Prozent setzen auf Researcher Oversight. Nicht bei jedem Interview sitzt ein Experte daneben – das wäre nicht skalierbar. Aber bei der Planung und bei der Auswertung schaut jemand drüber, der die methodischen Fallstricke kennt. Bei Stripe haben Researcher dafür Office Hours eingeführt: feste Zeiten, in denen Product Manager ihre Vorhaben besprechen können. Niedrigschwellig, aber wirksam.
65,2 Prozent nutzen standardisierte Templates. Interview-Leitfäden, Auswertungsraster, Dokumentationsformate. Sie ersetzen nicht das Denken, aber sie reduzieren die offensichtlichen Fehler. Ein guter Leitfaden verhindert suggestive Fragen. Ein strukturiertes Auswertungsformat zwingt dazu, auch die unbequemen Aussagen festzuhalten.
55,7 Prozent arbeiten mit Zugriffskontrollen. Nicht jeder darf alles. Wer noch nie ein Interview geführt hat, bekommt nicht sofort Zugang zum Recruiting-Pool. Die Tools selbst setzen Grenzen – nicht aus Misstrauen, sondern weil Lernkurven Zeit brauchen.
Training, das über einen Workshop hinausgeht. Stripe kombiniert Research Playbooks mit kontinuierlichem Mentorship. Die Dokumentation allein reicht nicht. Menschen lernen durch Tun, durch Feedback, durch Wiederholung.
Klare Scope-Definition. Was dürfen Nicht-Researcher selbst? Was erfordert Experten? Die Grenze muss explizit sein, sonst verschwimmt sie.
Was sich demokratisieren lässt – und was nicht
Nicht jede Methode eignet sich gleichermaßen.
Gut geeignet: Usability-Tests mit klaren Aufgaben. Die Struktur gibt Halt, die Fehlerquellen sind begrenzt. Kurze Feedback-Interviews zu konkreten Features – nicht "Was wünschen Sie sich?", sondern "Wie haben Sie diese Funktion erlebt?". Analyse von bestehendem Feedback: Support-Tickets, App-Reviews, Nutzerkommentare. Hier ist das Material bereits da; es braucht nur Augen, die hinschauen.
Bedingt geeignet: Explorative Interviews, wenn ein guter Leitfaden existiert und Oversight gewährleistet ist. Ohne beides wird es schnell beliebig. Wettbewerbsanalysen mit strukturiertem Framework – die Struktur verhindert, dass man nur sieht, was man sehen will.
Eher ungeeignet: Strategische Grundlagenforschung. Die Fragen sind zu offen, die Interpretationsspielräume zu groß. Segmentierungsstudien – wer hier Fehler macht, baut das Produkt auf falschem Fundament. Sensible Themen: Gesundheit, Finanzen, persönliche Krisen. Hier braucht es nicht nur methodische, sondern auch ethische Kompetenz. Und alles, wo methodische Fehler teuer werden: Wenn eine Investitionsentscheidung von der Forschung abhängt, sollte kein Anfänger die Interviews führen.
Teresa Torres und der Rhythmus des Lernens
Ein Modell, das gut zur Demokratisierungsdebatte passt, kommt von Teresa Torres. In ihrem Continuous Discovery Framework definiert sie den Kern so: "At a minimum weekly touchpoints with customers by the team that's building the product where they conduct small research activities in pursuit of a desired product outcome."
Das klingt nach viel. Aber Torres argumentiert gegen die Alternative: seltene, aufwändige Forschungsprojekte, deren Ergebnisse veraltet sind, bevor sie ankommen. Stattdessen kleine, häufige Lernschleifen. Ein kurzes Gespräch hier, ein schneller Test dort. Immer nah an den aktuellen Entscheidungen.
Das funktioniert unter zwei Bedingungen. Erstens: Die Teams haben die Grundkompetenz für gute Gespräche – mindestens auf dem Niveau "keine groben Fehler". Zweitens: Es gibt einen Rahmen, der die Erkenntnisse verbindet. Torres nennt das den Opportunity Solution Tree, eine Struktur, um Nutzerbedürfnisse mit Lösungsideen zu verknüpfen.
Continuous Discovery ist kein Ersatz für tiefe Research-Projekte. Die strategischen Fragen, die Grundsatzentscheidungen, brauchen weiterhin Zeit und Expertise. Aber es ist eine Ergänzung, die den Alltag verändert.
Wo KI die Gleichung verschiebt
Alles bisher Gesagte gilt seit Jahren. Was sich 2025 und 2026 ändert: KI macht die Demokratisierung gleichzeitig einfacher und riskanter.
Einfacher, weil KI Aufgaben übernimmt, die vorher Expertise erforderten. Transkription in Echtzeit. Zusammenfassungen, die die Kernaussagen extrahieren. Mustererkennung in großen Datenmengen. Die Lyssna-Befragung zeigt, dass 88 Prozent der Researcher KI-gestützte Analyse als wichtigsten Trend für 2026 sehen – mit großem Abstand vor allem anderen.
Riskanter, weil KI auch Unsinn produziert, und zwar überzeugend formulierten Unsinn. Wer die methodischen Grundlagen nicht versteht, kann nicht beurteilen, ob die KI-Zusammenfassung die Realität abbildet oder eine Halluzination ist. Die Werkzeuge werden mächtiger, aber die Urteilsfähigkeit wächst nicht automatisch mit.
Gary Topiol, Managing Director von QuestDIY, hat dafür ein nützliches Bild: "Researchers view AI as a junior analyst, capable of speed and breadth, but needing oversight and judgment." Ein Junior, der schnell arbeitet und viel abdeckt, aber Aufsicht braucht. Das gilt umso mehr, wenn der Auftraggeber selbst kein Senior ist.
Was das für Werkzeuge bedeutet
Wenn Demokratisierung unvermeidlich ist und KI sie beschleunigt, dann kommt es auf die Werkzeuge an. Die richtigen Tools können Guardrails einbauen, die menschliche Oversight ergänzen.
Eine Interview-Plattform kann suggestive Formulierungen erkennen und markieren. Ein Analyse-Tool kann Interpretationen als vorläufig kennzeichnen und auf dünne Datenlagen hinweisen. Eine Auswertung kann automatisch die Zitate liefern, die der Zusammenfassung widersprechen – damit sie nicht unter den Tisch fallen.
Das ist der Ansatz, den wir mit QUALLEE verfolgen. Die Plattform automatisiert qualitative Interviews – KI führt die Gespräche, Menschen definieren die Fragen und interpretieren die Ergebnisse. Das ermöglicht Skalierung: nicht fünf Interviews, sondern fünfzig oder hundert. Und es demokratisiert Zugang: Product Manager können Forschung anstoßen, ohne selbst moderieren zu müssen.
Aber die Leitplanken sind Teil des Designs. Die KI folgt strukturierten Leitfäden, weicht nicht in Beliebigkeit ab. Die Auswertung unterscheidet zwischen dem, was Befragte gesagt haben, und dem, was die KI daraus interpretiert. Und die Plattform ist DSGVO-konform – für europäische Teams nicht optional, sondern Voraussetzung.
Es geht nicht darum, Research so einfach zu machen, dass man nicht mehr nachdenken muss. Es geht darum, die Hürden dort zu senken, wo sie Fortschritt blockieren, und sie dort zu halten, wo sie Qualität sichern.
Der Weg nach vorn
Research Demokratisierung ist keine Utopie und keine Dystopie. Sie ist eine Realität, die gestaltet werden will.
Die schlechteste Reaktion ist Ignoranz: so tun, als würde das Thema wieder verschwinden. Die zweitschlechteste ist blinde Begeisterung: alle dürfen alles, Qualität regelt sich von selbst.
Der Weg liegt dazwischen. Researcher, die ihre Rolle neu definieren – weg vom Ausführenden, hin zum Befähiger und Qualitätshüter. Nicht-Researcher, die Grundkompetenzen entwickeln und ihre Grenzen kennen. Werkzeuge, die beides unterstützen.
Und eine Organisation, die versteht: Mehr Research ist nur dann besser, wenn die Erkenntnisse stimmen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist Research Demokratisierung?
Research Demokratisierung bezeichnet die Praxis, dass Personen außerhalb klassischer UX-Research-Rollen eigenständig Nutzerforschung durchführen – etwa Product Manager, Designer oder Entwickler. Das Konzept zielt darauf ab, Research-Engpässe zu entschärfen und Nutzerkontakt breiter im Unternehmen zu verankern.
Können Product Manager User Research durchführen?
Ja, mit Einschränkungen. Laut dem Maze Future of User Research Report 2025 führen 42% der Product Manager bereits eigene Nutzerforschung durch. Für strukturierte Methoden wie Usability-Tests oder Feedback-Interviews ist das mit entsprechendem Training möglich. Komplexe strategische Forschung oder sensible Themen sollten weiterhin von Research-Experten betreut werden.
Welche Risiken hat die Demokratisierung von Research?
Die Hauptrisiken sind methodische Qualitätsmängel, unbewusste Bestätigungsfehler (Confirmation Bias), suggestive Fragestellungen und die Gefahr, dass KI-Tools ohne kritische Prüfung eingesetzt werden. Laut dem Great Question Democratization Report 2025 sehen 72,7% der Fachleute deshalb Researcher Oversight als wichtigste Absicherung.
Was sind die wichtigsten Guardrails für Research Demokratisierung?
Die fünf wichtigsten Absicherungen laut Great Question sind: Researcher Oversight bei Planung und Auswertung (72,7%), standardisierte Templates und Leitfäden (65,2%), Zugriffskontrollen für Tools (55,7%), kontinuierliches Training mit Mentorship, und klare Definition geeigneter Methoden.
Welche Research-Methoden eignen sich für Nicht-Researcher?
Gut geeignet sind: Usability-Tests mit klaren Aufgaben, kurze Feature-Feedback-Interviews, standardisierte Umfragen und Analyse von bestehendem Feedback wie Support-Tickets. Weniger geeignet sind strategische Grundlagenforschung, Segmentierungsstudien und Forschung zu sensiblen Themen.
Wie verändert KI die Research Demokratisierung?
KI macht Demokratisierung einfacher durch automatische Transkription, Zusammenfassung und Mustererkennung – laut der Lyssna-Befragung 2025 sehen 88% der Researcher das als Top-Trend 2026. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass überzeugend formulierte, aber fehlerhafte Analysen ungeprüft übernommen werden. KI sollte als "Junior Analyst" verstanden werden: schnell und breit, aber mit Oversight.
Quellen
- Lyssna: UX Research Trends 2026 – Befragung von 100 UX-Researchern, Dezember 2025
- Maze: Future of User Research Report 2025
- User Interviews: State of User Research Report 2024
- Great Question: UX Research Democratization Report 2025
- Great Question: Democratization Led by Researchers – Interview mit Zoë Glas (Google)
- Dscout: 9 Pillars of Responsible Democratization
- Reduct Video: Debunking Myths About Democratizing Research – Stripe Case Study
- IDR: Top 5 Research Insights Trends 2026 – Zitat Gary Topiol
- Teresa Torres: Getting Started with Continuous Discovery


